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Hoffen auf Bildung

 „Mama, geht die Schule morgen endlich länger?!“ Wird verlautbart. Vom Sohn. Sechs Jahre. Ich erstarre. 


Eben erst hat er den zweiten Schultag vollbracht. Ganz Mit-Ohne-Mama. Es ist zehn Uhr fünfunddreißig. Bisher das geliebte Kindergarten-Mäuschen. Schüchtern und schmächtig. Sieht er mich jetzt an. Herausfordernd wie ungeduldig. Extra sanft hatte ich seinen Schuleinstieg geplant: Urlaub genommen. Schultüte gebastelt, bemalt, beklebt. Drin waren Kinderwecker, Rechenmaus, Pixi-Bücherl und Müsliriegel. Frühestmögliche Abholzeiten gelegt. Brotboxliteratur erstanden. Und nährstoffreiche wie kinderfreundliche Rezepte für den kommenden Ernstfall geübt. Dem Kind Ruhe nach der Schule verordnet. Eine Mondlandung benötigt doch auch gute Vorbereitung. Und dann das. Nach dem zweiten Schultag kommt diese Frage. Diese rhetorische.

Mit diesem rhetorisch fragend frisch geschlüpften Schulkind wohne ich allein. Unsere freie Zeit muss gut vertrieben sein. Ein Muss. Denn ansonsten fällt uns der Kunsthaus-Alien mit seinen Rüsseln auf den Kopf. Wir spielen also „Schnappt Hubi“. Malen. Schreiben Buchstaben. Auch verkehrt. Rechnen mit Fingern. Hören Geschichten. Und Musik. Tanzen dazu. Auch zu Yoga-CDs. Was man eben so macht, wenn man glaubt, nichts zu machen.  Aber. Nichtsdestotrotz. Ihm ist langweilig. Um elf Uhr nach der Schule. Denn einen Brief aufgeben ist gerade keine Option. Radfahren mag er jetzt auch nicht. Milch kaufen noch weniger. Und Lego spiele ich wiederum auf folgende Art:  Augen zu und durch. Präzise Pläne lesen, Stunden aufrecht am Boden sitzen, in sechs Kisten das eine passende Teilchen finden. Muss ich das mitmachen? Natürlich treffen wir Freundinnen. Und Freunde. Und doch. Immer wieder. Immer wieder. Immer wieder Langeweile. 

Gestern und heute vom Mittagessen bis zum Abendbrot haben wir. Gemalt. Gezeichnet. Vorgelesen. Erzählt. Gespielt. Zugehört. Zugeschaut. Zugemacht. Endlich wird das Licht ausgemacht. Geschafft. In der Schule gibt es, was es zuhause nicht gibt. Dort wird erzählt, was daheim nicht erzählt wird. Dort wird geblödelt und gelacht. Zuhause wird geputzt und weggeräumt. Dort sind kreative Erwachsene. Spielende Kinder. Neue Aufgaben. Synapsen werden neu verknüpft. Bildung macht glücklich. Bildung ist Glück.

Vielfalt im Klassenzimmer 

Aber die Mund-Nasen-Masken? Doch der Elefantenabstand? Seine neuen Masken haben bunte Autos drauf. Unter dem Schultor setzt er sie auf. In der Klasse nimmt er sie ab. Auf den Tischen können sie bewundert werden. Für gesunden Abstand gibt es den Garten. Und einfühlsame Pädagoginnen. Gestern Abend nach der Schule machten wir ein Spiel. Wir saßen uns gegenüber. Die Aufgabe war, einander so lange wie möglich in die Augen zu schauen. Wir durften lachen. Wir durften kichern. Wir durften uns bewegen. Bloß der Kontakt mit den Augen sollte bleiben. „Mama, ich habe dich so lieb…“ sagte er während der Übung. Und er fügte hinzu, „…und du mich auch.“   

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